Webseite von Professor Dieter Borchmeyer
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Melancholie - Gemütsverfassung und ästhetischer Zustand

Thema

»Warum erweisen sich alle außergewöhnlichen Männer in Philosophie oder Politik oder Dichtung oder in den Künsten als Melancholiker“, fragt sich der Verfasser des wahrscheinlich von Theophrast stammenden, jedenfalls auf die Mitte des dritten Jahrhunderts vor Christus datierbaren Kapitels XXX, 1 der pseudo-aristotelischen Problemata. Nach der antiken Physiologie wird die vom Menschen aufgenommene Nahrung durch die Verdauung in vier Körpersäfte, „humores“, verwandelt: Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim. Die Dominanz des jeweiligen Körpersafts bestimmt die „Komplexion“, das Temperament des jeweiligen Menschen. Nach den griechischen bzw. lateinischen Namen der vier Körpersäfte werden die Temperamente als Sanguiniker, Choleriker, Melancholiker und Phlegmatiker bezeichnet. Diese Lehre, die Humoralpathologie hat bis weit in die Neuzeit Medizin und Psychologie bestimmt. Die Melancholie aber ist das Temperament, das für die Ästhetik, zumal für die Bildende Kunst und Literatur die größte Rolle gespielt hat. Das epochemachende neuzeitliche Bilddokument der Melancholie-Tradition ist Dürers Stich Melencolia I (1514). Er bildet den Ausgangspunkt, das Referenzwerk einer der bedeutendsten geistes- und kulturwissenschaftlichen Monographien des vergangenen Jahrhunderts, die eine weithin verschollene Region der europäischen Mentalitätsgeschichte wiederentdeckte und deren Vorge¬schichte bis zum An¬fang des vergangenen Jahrhunderts zurückreicht: Raymond Klibansky, Erwin Panofsky, Fritz Saxl: Saturn und Melancholie. Studien zur Geschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Religion und der Kunst. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 1990. Seit dem ersten (englischen) Erscheinen dieses Jahrhundertbuchs (1964) ist eine Fülle von Untersuchungen über das Thema der Melancholie in den verschiedenen Kulturwissenschaften erschienen. Die Vorlesung – wie bei den „Heidelberger Vorträgen zur Kulturtheorie“ üblich eine Vortragsreihe mit Gästen - versucht, an ausgewählten Beispielen die Bedeutung der Melancholie durch die Geschichte der Künste und Geisteswissenschaften, zumal der Literatur zu verfolgen, wobei der Blick auch auf Lars von Triers Film Melancholia (2011) fallen soll. Die Vorlesung wird dem Andenken des 2005 verstorbenen Philosophen Raymond Klibansky gewidmet sein, eines der großen Gelehrten unserer Universität, mit dessen Namen die Melancholie-Forschung aufs engste verbunden ist.  Das Programm der Vorlesung wird während der vorlesungsfreien Zeit durch Aushang und im Internet bekanntgegeben.

Programm

Die Vortragsreihe, die von der Manfred Lautenschläger Stiftung in Kooperation mit der Universität Heidelberg veranstaltetet wird, beginnt am Mittwoch, dem 18. April um 19 Uhr s.t. im Hörsaal 14 der Neuen Universität.

Das Programm zur Lehrveranstaltung
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Die Heidelberger Vorträge zur Kulturtheorie beschäftigen sich in diesem Semester mit dem Thema: Shakespeare und kein Ende

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© Prof. Dr. Dr. h.c. Dieter Borchmeyer